"Die Frauen haben den Männern dieses Brauchtum nicht weggenommen. Sie haben es übernommen, um es vor dem Aussterben zu bewahren.“
Die ersten Schellenschlagerinnen unterwegs in Patsch.
Dieses Foto ist ein wahrer Schatz in schwarz-weiß. Es zeigt Regina, Traudl, Erna, Mimi, Anni und Sophie wie sie 1958 stolz durch Patsch schreiten – mit schwarzen Hosen, weißen Hemden, Ranzen oder schwarzen Gürteln und mit Federn verzierten Trachtenhüten bekleidet. Hinter dem Rücken hat jede von ihnen eine Glocke in der Hand, eine Schelle. Die Gesichter der Frauen werden von geschnitzten Holzlarven verdeckt und so bleibt es der Phantasie der Betrachter:innen überlassen, sich die Mimiken hinter den hölzernen Fasnachtsmasken mit ihren lächelnd wirkenden Schnurrbärten vorzustellen. Dass die Frauen aufgeregt waren, mal jede für sich mal alle miteinander so leise wie möglich lachten und wohl immer wieder von vom Wagemut gekitzelter Schnappatmung durchzuckt wurden, ist jedenfalls gut vorstellbar. Schließlich machen sie da gerade scheinbar Unmögliches möglich.
"Die Frauen haben den Männern dieses Brauchtum nicht weggenommen. Sie haben es übernommen, um es vor dem Aussterben zu bewahren.“
Starke Kraft entfesselt
„Das war schon ein Skandal. Für die Gründerinnen war das nicht so lustig. Sie haben erzählt, dass sie am nächsten Tag die schwersten Arbeiten am Hof verrichten mussten. Aber sie haben sich das Schellenschlagen nicht mehr nehmen lassen“, erzählt Claudia Lackner.
Claudia (44) ist Obfrau der Patscher Schellenschlagerinnen und weiß genau, welche Kraft da 1958 entfesselt wurde. „Ich war in einem Freundeskreis, wo alle Mädels das Ziel gehabt haben, zu den Schellenschlagerinnen zu gehen. Es war einfach eine große Ehre, dabei zu sein“, erinnert sie sich an die prickelnde Aufregung vor dem Vorsprechen genauso wie an die Freude, dann am Unsinnigen Donnerstag gekleidet in wertvollem „Gwand“ im Takt mit den anderen Mädels und Frauen mithüpfen beziehungsweise „mithupfen“ zu dürfen.
Heute zählen die Patscher Schellenschlagerinnen 76 Mitglieder und aus dem Skandal ist längst der Stolz des ganzen Dorfes geworden. „Die Frauen haben den Männern dieses Brauchtum nicht weggenommen“, sagt die Obfrau und stellt klar: „Sie haben das Brauchtum übernommen, um es vor dem Aussterben zu bewahren.“ Und das haben die Schellenschlagerinnen auf eine Weise geschafft, die Patsch auf der Landkarte der Tiroler Fasnachtstraditionen für immer strahlen lässt.
Obfrau Claudia mit der Ziehharmonika und anderen Schellenschlagerinnen.
Wertvolle Schätze gerettet
2022 wurden die Patscher Schellenschlagerinnen in die österreichische Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Regelrecht Oscar-verdächtig ist seither ihre mediale Präsenz. Mit Zeitungsberichten und TV-Dokumentationen wurde in diesem Zuge auch weit über die Tiroler Landesgrenzen hinaus bekannt, dass Patsch der einzige Ort ist, in dem der Fasnachtsbrauch des Schellenschlagens von Frauen gelebt und bewahrt wird.
Auch diese Berühmtheit hat ihre Geschichte. In der sonst so tristen weil auch fasnachtsfreien Coronazeit war im Dorf die Idee aufgetaucht, dass im Brauchtum der Patscher Schellenschlagerinnen mehrere gute Gründe stecken könnten, in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen zu werden. Mit diesem Ziel vor Augen haben Claudia und andere Unermüdliche intensiv recherchiert und extrem viel Energie in das Dokumentieren der außergewöhnlichen Geschichte investiert. „Vieles war nur mündlich überliefert worden. Das haben wir alles verschriftlicht, haben Interviews geführt, Bilder gesammelt und Videodokumente, die für die Bewerbung nötig waren. Das sind jetzt natürlich wertvolle Schätze“, sagt Claudia.
Die Homepage schellenschlagerinnen.at öffnet diese Schatzkiste auf wunderschön aufbereitete Weise. Dabei springt nicht nur der Funke über, der die Patscher Mädels und Frauen befeuert und dem Unsinnigen Donnerstag entgegenfiebern lässt. Es kommen auch Schätze zum Vorschein, die mit langlebigen Mythen aufräumen und die Tiroler Fasnacht in ein neues Licht rücken.
Die (weibliche) Hexentruppe ist immer mit dabei.
Alte Ordnung wiederhergestellt
Petra Streng, Volkskundlerin und überregionale Brauchtumsforscherin, hält etwa in ihrem, die UNESCO-Bewerbung der Schellenschlagerinnen unterstützenden Begleitschreiben fest: „Über viele Jahrhunderte/Jahrzehnte hielt sich der Trugschluss, dass Frauen keine aktiven Präsentationsformen in der Fastnacht annehmen durften. Man berief sich auf alte Überlieferungen, auf so manches Edikt von Seiten der Kirche oder gar auf Chronisten, die sehr subjektiv und unreflektiert die Rolle der Frau in der Fastnacht wahrnahmen und kolportierten. Männliche Geschichtsschreiber nahmen der Frau ihre aktive Funktion – und dies hat sich lange gehalten.“
Dies hatte sich gehalten, obwohl es bis ins 18. Jahrhundert hinein üblich gewesen war, dass Frauen bei den Fastnachtsbräuchen in Tirol aktiv mitwirkten. Belege aus den Rechnungsbüchern Sigismund des Münzreichen (1427 – 1496) beweisen dies und es ist vor allem der frauenfeindlichen Moralvorstellung der Jesuiten zu verdanken, dass Frauen von diesen Vergnügen sukzessive ausgeschlossen wurden. Bis, ja bis Regina, Traudl, Erna, Mimi, Anni und Sophie 1958 die Patscher Fasnacht und die Schellen in ihre Hand genommen haben. So betrachtet haben die Patscher Schellenschlagerinnen ohne es zu wissen die alte Ordnung ein Stück weit wiederhergestellt. „Sie zeigen einer männlichen Domäne die ‚Trutzfeder‘, das heißt sie haben ‚Schneid‘ (=Mut) und bestätigen in ihrem Auftreten, die Frau gehört aktiv in die Fastnacht“, betont Petra Streng und Obfrau Claudia Lackner sagt: „Wir sind einzigartig!“ Stimmt.
Der Nachwuchs an Schellenschlagerinnen ist gesichert.
Weitere Informationen:
Die Patscher Schellenschlagerinnen – Der Fasnachtsbrauch in Frauenhand
Fotos: Alfred Schestak, Tanja Reitmair, Servus TV, G.Span
Video: T. Nußbaumer
Absolut sehenswert: Am "Unsinnigen" alljährlich der Auftritt der Schellenschlagerinnen in Patsch.

ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Innsbruck.