Ein gewisses Beharrungsvermögen

16.07.2026 Kultur
Musik
Christina Schwemberger
Andreas Schett ist Trompeter, Kulturvermittler, Inhaber eines Kommunikationsbüros und eines Musiklabels, vor allem aber Komponist der Musicbanda Franui. Einst als eigenwillige Dorf- und Hofkapelle gegründet, gilt Franui heute als kulturelles Umspannwerk mit internationaler Strahlkraft. Ein Gespräch über die Vieldeutigkeit von Musik, treue Freundesbande und wie wichtig es ist, beharrlich zu sein.

Das Unsereins-Interview mit Andreas:

Wie alles begann

Andreas Schett ist in Innervillgraten aufgewachsen, einem kleinen Ort am Ende des Villgratentals in Osttirol. Seine Kindheit in den 1970er-Jahren beschreibt er als ein Leben in einem „Setting des 19. Jahrhunderts“. Die Entwicklung schien an diesem abgelegenen Winkel Osttirols ein Stück weit vorbeigegangen zu sein. Mit zehn Jahren kam Andreas ins bischöfliche Knabenseminar Paulinum in Schwaz. Die strengen Internatsjahre waren schwer, das Erlernen eines Musikinstrumentes war das Ventil des jungen Osttirolers. Die Trompete wurde für Andreas zur „Errettung“ und damit zur treuen Begleiterin.

Wieder in Innervillgraten, war Andreas mit Anfang zwanzig an der Gründung der Villgrater Kulturwiese beteiligt, einem Festival, das Künstler:innen ins Tal holte und das Dorf selbst zur Bühne machte. Die ländliche Kultur kam so mit zeitgenössischer Kunst in Kontakt. 1993 entstand dabei die Musicbanda „Franui“, weil das Festival eine Haus- und Hofkapelle brauchte.

Das beschauliche Osttiroler Dorf Innervillgraten, wo Andreas aufgewachsen ist. ©Anton Ausserlechner, TVB Osttirol

Gegenwind und die Kunst des Weitermachens

Das Kulturfestival erntete nicht nur Begeisterung. Es gab Kritik, Unverständnis und heftige Gegner im Ort. Ein altes Holzhaus, das als Festivalzentrum gedacht war, wurde angezündet. Die Mitglieder von Franui wollten danach wissen, wie viele im Ort wirklich dagegen waren. Von den 200 Haushalten im Dorf sprachen sich 16 Prozent für die sofortige Abschaffung des Festivals aus. Weitere 32 Prozent befürworteten das Festival, während es 52 Prozent der Befragten schlichtweg egal war.

Diese Rechnung ist für Andreas bis heute eine Art Regel. Wer etwas Neues macht, muss nicht alle überzeugen. Es reicht, wenn es Menschen gibt, die darin etwas erkennen, das zuvor nicht sichtbar war und wenn man dann beharrlich bei der Sache bleibt. „Die Arbeit ist: eine Arbeit fertigmachen!“, lautet ein Satz seines Vaters, der Andreas bis heute als Lebensmotto dient und wohl auch ganz viel mit Beharrlichkeit zu tun hat.

Unterstützung kam von jenen, die Andreas „dörfliche Intellektuelle“ nennt: Menschen ohne akademischen Titel, aber mit großer Neugier, Wissen und Urteilskraft. Einer davon war der Volksschullehrer, Schriftsteller und Forscher, Johannes E. Trojer. Er ließ die Schulkinder Flüche sammeln, schrieb daraus eine Litanei, welche Franui viele Jahre später in seine Kompositionen mitaufnahm. Eine geniale Sammlung an alten, aber kraftvollen Schimpfwörtern wie „Teifel“ wurde vertont, was den Volksschullehrer bestimmt gefreut hätte, wenn er es noch erlebt hätte.

"Die Trompete war meine Errettung."

Andreas Schett -

Zwischen Friedhof und Tanzboden

Andreas beschreibt Franui über die Instrumente, die in der Musicbanda gespielt werden: Holz- und Blechbläser, Zither, Harfe, Hackbrett, dazu kommen Streicher. Im Kern ist es eine Tiroler Tanzlmusik-Besetzung, die erstaunlicherweise auch für die Interpretation von Trauermärschen taugt. „Zwischen Friedhof und Tanzboden“, erklärt der Komponist die Bandweite der Musik von Franui. Volksmusik ist dabei keine Folklore, sondern Material voller Abgründe, Widersprüche und Möglichkeiten. Gerade in der Trauermarschmusik erkannte Andreas früh eine besondere Kraft. Sie ist vieldeutig, nie nur traurig, sondern auch komisch, erschütternd und tröstlich zugleich. Gute Musik schließt viele Gedanken und Gefühle in einem Moment ein. Sie ist vieldeutig.

Die Musicbanda Franui ist seit 33 Jahren in fast unveränderter Besetzung zusammen. ©Ramona Waldner

Familie, Freundschaft und Kompositionsarbeit

Die Musicbanda Franui, die schon so lange in fast unveränderter Besetzung musiziert, ist mehr als ein professionelles Ensemble. Es ist eine Freundesbande, teilweise auch Familie, viele sind seit jungen Jahren miteinander verbunden. Andreas Frau Angelika ist seit Beginn mit dabei, was er wunderbar findet.

Andreas komponiert die Stücke, aber nicht ohne seinem Bandkollegen, dem Kontrabassisten Markus Kraler. Nicht nacheinander, nicht im Austausch fertiger Entwürfe, sondern tatsächlich zusammen: Sie treffen sich und schreiben. Die pragmatische Erklärung dafür liefert Andreas mit einem Bild: „Einer malt die Kugeln, der andere die Striche.“ Hinter dem Witz steckt ein ernstes künstlerisches Prinzip. Zuhören, zulassen, ergänzen.

Zuhören, nicht nur beim Komponieren: Perspektivenwechsel des Musikers Andreas beim Hochkulturfestival 2023. ©Bernhard Poscher

Der schönste Bühnenmoment

Man stelle sich vor, es kommen 250 Kühe mit Glocken zur Bühne, während ein isländischer Starpianist ein Stück von Bach auf einer Osttiroler Almwiese spielt. Was wie ein surrealer Traum klingt, ist 2023 tatsächlich passiert: beim Hochkulturfestival auf der Unterstaller Alm auf 1673 Meter Seehöhe zum 30-jährigen Bandjubiläum von Franui. Das kann man nicht komponieren, das ist einfach geschehen.

Für Andreas ist dieser Ort als Bühne eine der schönsten. Als Kind musste er auf dieser Alm Kühe hüten, obwohl er ein ganz schlechter Hirte war, wie er selbst sagt. Genau dort viele Jahre später mit der Trompete vor Publikum spielen zu können, ist ein unglaubliches Gefühl – und für die Fans gibt es wahrscheinlich keinen besseren Ort, um zu spüren, wie Franui gemeint ist.

Musikalischer Hochgenuss dort, wo Andreas einst Kühe hüten musste. ©Bernhard Poscher

Auch heuer wieder: Hochkultur auf der Alm

Im August 2026 werden wieder tausende Menschen aus Berlin, München, Wien und  ganz Tirol auf der Unterstaller Alm erwartet. Dafür nimmt man einige logistische Herausforderungen in Kauf, wie zum Beispiel den Transport eines Konzertflügels auf die Alm, denn ein weltbekannter Pianist, dieses Mal der Siemens-Preisträger Pierre-Laurent Aimard, wird auch heuer wieder dort spielen. Jetzt weiß man, wie das funktioniert. Beim ersten Mal war der Ausgang des Transportes noch ungewiss, aber zumindest gut geschätzt. Ob auch dieses Mal wieder 250 Kuhglocken dazukommen, kann man noch nicht wissen. Was fix ist: Andreas will erreichen, dass das Hochkulturfestival alle zwei Jahre stattfindet, um Osttirol als Kulturplatz zu positionieren.

Ein Meisterstück - nicht nur das Spiel des berühmten Pianisten Víkingur Ólafsson beim Hochkulturfestival 2023, sondern auch der sichere Transport des Flügels auf die Alm. ©Bernhard Poscher

Der Arthur Zelger-Preis

Andreas ist nicht nur Musiker, sondern auch erfolgreich in der Kreativwirtschaft. Seit über 30 Jahren führt Andreas die Kommunikationsagentur Circus in Innsbruck. Für seine großartigen Leistungen in der Werbung hat der Osttiroler mit seinem Team vor Jahren den „Arthur Zelger Preis“ für gute Gestaltung in Tirol bekommen. Der Tiroler Grafiker und Schöpfer des Tirol Logos Arthur Zelger hatte das Talent, Dinge genau ins Visier zu nehmen, um daraus eigenständig etwas anderes abzuleiten, was damit zu tun hatte. In dieser Art, Dinge zu gestalten, ob in der Kommunikation oder der Musik, findet sich auch Andreas Schett wieder, deshalb freut er sich besonders über diese Auszeichnung.

"Humor ist nur dann interessant, wenn er mehrere Ebenen hat. Mindestens zwei Böden muss es geben, genau wie in der Musik!“

Andreas Schett -

Heimat ist dort, wo die Rechnungen hingeschickt werden

Andreas wohnt mit seiner Familie in Innsbruck und Wien, aber Osttirol ist doch eingeschrieben. Er kommt immer gerne nach Hause zurück, was auch an den Osttiroler Schlipfkrapfen liegen mag, die seine Mutter so köstlich zubereitet. Herkunft sei etwas, sagt er, an dem man sich ein Leben lang orientiere oder abarbeite.

Heimat definiert der Osttiroler dennoch lieber mit einem Satz des Dichters Heiner Müller: „Heimat ist dort, wo die Rechnungen hingeschickt werden.“ Diese Antwort ist auch typisch für Andreas: pragmatisch, klug und mit einem kleinen Dreh ins Komische. Andreas sagt überzeugt: „Humor ist nur dann interessant, wenn er mehrere Ebenen hat. Mindestens zwei Böden muss es geben, genau wie in der Musik!“

Mindestens zwei hat er gesagt, aber man weiß: bei Andreas Schett geht noch ein bisschen mehr. Eine Kunst, die ihm immer wieder gelingt – mit Talent, Leidenschaft und wenn nötig – einem gewissen Beharrungsvermögen.

Es ist eine ganz besondere Bühne auf der Unterstaller Alm bei Innervillgraten, nicht nur für die Künstler:innen... ©Bernhard Poscher

...es ist auch für das Publikum ein einzigartiger Ort, um gute Musik zu genießen. ©Bernhard Poscher

Weitere Informationen 

zum Hochkulturfestival vom 12. bis 15. August 2026:
HOCH KULTUR FESTIVAL 2026 | Musikfestival in Osttirol | Unterstaller Alm

zu Franui:
FRANUI Musicbanda

Video: Jakob Strassl
Videoschnitt: Jonathan Schmid
Portraitfotos: Jakob Strassl

Christina Schwemberger

schreibt gerne Geschichten über die Menschen in Tirol. Sie ist in der Unternehmenskommunikation für die Lebensraum Tirol Gruppe tätig und wohnt in Axams.