Holztram statt Stahldecke


Den Stanglwirt in Going bei Kitzbühel kennt man in ganz Österreich und über die Grenzen hinaus. Kein Wunder, gelten der Gasthof und das Hotel doch als Hotspot für Promis aus aller Welt. Weniger bekannt ist, dass der Stanglwirt seit Jahrzehnten ein Vorzeigebetrieb in Sachen Nachhaltigkeit ist. Balthasar Hauser hat schon in den 80er-Jahren revolutionäre Ideen wie ein Biomasse-Heizkraftwerk umgesetzt. Und für das erste begrünte Dach, auf dem Schafe weiden, wurde er seinerzeit ausgelacht.


Das Lachen freilich ist dem Nachahmen gewichen. Denn was Balthasar Hauser aus Überzeugung und mit der ihm eigenen Konsequenz an Nachhaltigkeit umgesetzt hat und bis heute umsetzt, ist in vielen Bereichen längst zum Standard geworden. „Nehmen, was da ist“ – mit dieser einfachen Philosophie hat Hauser mit nicht einmal 20 Jahren den Betrieb übernommen und mit natürlichen Materialien auf- und ausgebaut. In einer Zeit, in der Betonwände, Alufenster und Asbestbeschichtungen der letzte Schrei waren, setzte Hauser auf Holz statt Stahl und Kalkmörtel statt Zement. Die Hauser’sche Bauphilosophie ist bis heute ein Kernthema beim Stanglwirt – auch wenn Nachhaltigkeit im Traditionsbetrieb viel weiter geht.

Holztramdecken und Lärchenböden

In den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts konnte man in Europa hinschauen, wo man wollte: gebaut wurde aus Beton, Stahl und Aluminium – das war modern, haltbar und kostengünstig. Doch beim Stanglwirt gingen die Uhren schon damals anders. Balthasar Hauser wollte das verwenden, was es vor der Haustür gab. So wurden Holztramdecken statt Stahlkonstruktionen eingezogen, die Tonziegel wurden mit Kalkmörtel verbunden. Bis heute geht man im Stanglwirt auf Böden aus Lärchenholz und findet in den Zimmern ausschließlich Vollholzmöbel. Jeder Schlafplatz ist darüber hinaus frei von elektromagnetischen Feldern. Das Credo: authentisch muss es sein und natürlich – dann wird sich der Gast wohl fühlen.

Rauchende Revolution

Mitten in der Ölkrise, 1980, geht beim Stanglwirt das erste Biomasse-Heizkraftwerk Europas in Betrieb. Doch die Euphorie ist schnell vorbei. Wegen der zu groben Hackschnitzel erstickt Going nahezu in einer dichten Rauchwolke. Hausers Lösung ist so genial wie einfach. Die Hackschnitzel werden in der Reithalle ausgelegt und von den Pferden kleingetrampelt. Going hat wieder seine saubere Luft.Dann kamen die Schafe aufs Dach. Tennis ist in den 80er Jahren ein Trendsport und so werden Indoor-Hallen errichtet. Um sie perfekt in die Landschaft zu integrieren begrünt Balthasar Hauser die Dächer und lässt seine Schafe darauf weiden. Das sorgt international für Furore und ist dem heutigen Trend zu begrünten Fassaden und Dächern um Jahrzehnte voraus.Nach und nach entwickeln sich auch die Wellnesswelten des Stanglwirts zur europäischen Spitzenklasse und brauchen dementsprechend einiges an Energie. Mit einer Wärmepumpenanlage nützt das Hotel die kalorische Energie des Quellwassers. „Damit sparen wir pro Tag 1000 Liter Heizöl“, erzählt Maria Hauser, die den Stanglwirt als Juniorchefin übernommen hat. „Und das abgekühlte Wasser wird sinnvoll weiterverwendet um für eine optimale Temperatur in den Tagungsräumen, Büros und Lebensmittellagern zu sorgen.“

Gefleckte Tischnachbarn

Wer beim Stanglwirt isst, muss sich auf ungewöhnliche Zuschauer einstellen. Denn der Blick der Restaurantgäste wandert durch ein Fenster direkt in den Kuhstall und manchmal fragt man sich durchaus amüsiert, wer jetzt wen beim (Fr-)essen beobachtet. Dieses Fenster hat dem Stanglwirt europaweit mediale Aufmerksamkeit beschert. Doch es zeigt vor allem, dass das Haus ohne die dazugehörige Landwirtschaft nicht denkbar wäre. Auf 100 Hektar Fläche liefern eine eigene Käserei, Metzgerei und Fischerei das meiste von dem, was die Gäste im Stanglwirt schätzen: unverfälschte regionale Produkte mit dem Geschmack, den die Tiroler Natur bietet.„Es ist wichtig aktuelle Trends zu erkennen und Bedürfnissen der Gäste gerecht zu werden“, sagt Maria Hauser, „Aber die bäuerlichen Grundwerte und der Respekt vor den natürlichen Ressourcen sind Faktoren, die uns immer ausgemacht haben und die in Zukunft wichtiger denn je sind.“

Das Stangl Green Team

„Traditionell zu sein heißt nicht, die Asche anzubeten, sondern das Feuer immer wieder neu zu entfachen.“ Diesem Motto folgend sieht Maria Hauser das Thema Nachhaltigkeit als ständig weitergehenden Prozess. Um Themen wie Müllvermeidung und Lebensmittel-Verschwendung besser managen zu können gibt es das Stangl Green Team, zu dem sich Mitarbeiter aus allen Bereichen freiwillig melden. So ist man bereits vom Nachmittagsbuffet abgekommen, weil dort viele Nahrungsmittel unnötig weggeworfen werden. Als erster Fünf-Sterne-Betrieb ist der Stanglwirt eine Kooperation mit dem WWF eingegangen. Die Zusammenarbeit hat Tradition. Kennengelernt haben sich die Hoteliersfamilie und die Umweltschutzorganisation bereits 1998, als sie zusammen das Bichlacher Moor in Oberndorf (einer Nachbargemeinde von Going) vor der Trockenlegung gerettet haben.

Die jetzige Kooperation soll neue Potentiale im Umweltschutz und der Ressourcenschonung nützen. „Der Stanglwirt hat Vorbildwirkung in Sachen Nachhaltigkeit“, sagt Thomas Kaissl, Bereichsleiter beim WWF. Und wenn solche Worte von einer bekannt kritischen Umweltorganisation kommen, müssen die Hausers in Going wohl einiges richtig gemacht haben. „Wir wollen unsere Gäste mit dem Thema keinesfalls belehren oder gar belästigen“, sagt Maria Hauser,“ es ist eine Einladung mit uns gemeinsam die Natur zu schützen.“ Einer Einladung, der man sich kaum entziehen kann – und wohl auch nicht will.

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