„Etwas, das man kritisch hinterfragt – da ist immer ein wenig Hass und ein wenig Liebe dabei.“
In der Kulturweberei Telfs ist die Bühne bereit, Soundcheck gemacht. Scheinwerfer werfen Schatten auf die DJ Pults, die Atmosphäre kultig-authentisch. In wenigen Stunden wird es hier laut, doch noch herrscht eine entspannte Ruhe. Keine Spur von Lampenfieber bei Testa (Lukas Ljubanovic), Yo!Zepp (David Spiss) und Chrisfader (Christian Fleischmann). Wer die Band „Von Seiten der Gemeinde“ (VSDG) trifft, begegnet keinem Rap-Klischee, sondern drei Männern, die mit sich, ihrem Werdegang und ihrem Sound völlig im Reinen sind.
Ein Spielplatz namens „Von Seiten der Gemeinde“
Was als glücklicher Fehler begann – ein Albumtitel wurde durch FM4 fälschlicherweise als Bandname verwendet –, wurde zum Markenzeichen. „Der Name passt einfach besser“, sagt David. Wenn man David, Lukas und Christian fragt, was ihr Projekt beschreibt, fallen Begriffe wie „Spaß“ und „großer Spielplatz“. Christian überlegt kurz und wirft das Wort „Gott“ in den Raum – halb scherzhaft, vielleicht aber auch als Ausdruck absoluter künstlerischer Freiheit: Ideen entstammen oft aus dem Moment, aus dem gemeinsamen „Blödsinn reden“ oder eben dem Zufall.
„Wir planen wenig“, erklärt Christian. „Wir treffen uns zum Sound-Machen und schauen, was uns zum Lachen bringt. Wohin uns der kreative Funke trägt, da geht es hin.“ Dass sie laut eigener Aussage seit zwei Jahrzehnten im Kern das Gleiche machen, empfinden sie nicht als Stillstand, sondern als natürliche Konsequenz ihrer tiefen Beschäftigung mit der Musik.
„Etwas, das man kritisch hinterfragt – da ist immer ein wenig Hass und ein wenig Liebe dabei.“
Das Exotische im Alltäglichen
VSDG sind in der Hip-Hop-Landschaft eine Ausnahme – klassisch inspiriert, aber mit völlig neuem Inhalt. Ungewöhnlich für die Rapszene ist auch die Formation: Hier stehen zwei DJs an den Decks. Testa und Chrisfader bauen das handgemachte Fundament, auf dem sich David mit seinem Rap entfalten kann.
Das Besondere ihres Sounds: Sie nutzen Sprachsamples aus lokalen Regionalsendern, die so zum rhythmischen Element oder pointierten Kommentar im Sound werden. „Wir sind beeinflusst von den Hip-Hop-Größen der 90er und frühen 2000er, etwa dem Wu-Tang Clan oder DJ Premier“, erklärt die Band. „Nur dass wir den Sound und die Sprache aus unserer direkten Umgebung nehmen. Das macht es authentisch und künstlerisch einen eigenen Raum auf.“
Der Dialekt ist für David dabei ein Werkzeug, um Themen noch treffender behandeln zu können. Er rappt im Dialekt des „Oberen Gerichts“, dort, wo Tirol an Südtirol und die Schweiz grenzt. „Anfangs habe ich auf Hochdeutsch gerappt, aber irgendwann hat es sich einfach richtig angefühlt, umzusteigen“, erinnert er sich. Dass man damit keine Weltkarriere startet, ist den dreien bewusst – und völlig in Ordnung.
Versteht denn jeder den Dialekt? „Wir sind auch in Wien und an anderen Orten außerhalb Tirols ausverkauft. Die Leute verstehen vielleicht nicht jedes Wort, aber sie feiern den Vibe. Ich höre ja auch französischen Rap und verstehe nichts, aber ich fühle, was gemeint ist.“, erklärt David. Dieser Exotenstatus führt oft zu einer besonderen Bindung zum Publikum: Die Zuhörer beginnen, sich mit der Sprache zu beschäftigen, fragen nach Bedeutungen und tauchen tiefer in die Welt von VSDG ein.
„Dialekt öffnet eine eigene Welt. Man kann sich so ausdrücken, wie man redet – und bestimmte Themen lassen sich darin einfach besser behandeln.“
„Wir treffen uns zum Sound-Machen und schauen, was uns zum Lachen bringt. Wohin uns der kreative Funke trägt, da geht es hin.“
Von „Räuchschli“ zu kritischem Blick
Das aktuelle vierte Album „Burn down Pavillon“ ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen wie den Rechtsruck, Korruption und den Abbau von Demokratie. Die Verbundenheit zu Tirol ist groß, vielleicht gerade deshalb pflegt die Band einen scharfen, kritischen Blick auf die Gesellschaft.
„Themen, die uns egal sind, behandeln wir nicht“, stellt David klar. Dabei geht es nicht um Missionierung, sondern um die eigene Perspektive. Wenn sie über den Begriff „alpine Lebensqualität“ nachdenken, blitzt der kritische Geist auf: „Das klingt wie ein Werbeslogan“, sagt David trocken. „Schön wäre, wenn man sich das Leben in dieser Gegend auch leisten kann, das ist Lebensqualität.“
„Etwas, das man kritisch hinterfragt – da ist immer ein wenig Hass und ein wenig Liebe dabei.“
"In Wien ist die Vernetzung in der Musik ein Vorteil, aber an Orten wie Tirol kann man besser etwas Eigenes kreieren."
Das Geheimnis der Beständigkeit
Warum funktioniert VSDG nach all den Jahren immer noch? Vielleicht, weil sie die Sturheit, die man den Tirolern nachsagt, produktiv nutzen. Oder weil sie es sich sehr bewusst erlauben, keine Kompromisse einzugehen und über lange Zeit etwas zu schaffen, das Bestand hat. Ihr Rat an junge Künstler ist dementsprechend simpel: „Macht euer Ding, bleibt dran. Wenn es nur um schnelle Klicks oder volle Hallen geht, wird es nicht funktionieren.“
Für die Zukunft wünschen sie sich mehr Mut in der Kulturpolitik. Orte wie das Alte Kino in Landeck oder die Kulturweberei in Telfs seien essentiell: Brutstätten für Jugendkultur, ohne die es ein Projekt wie „Von Seiten der Gemeinde“ in der heutigen Form vermutlich nie gegeben hätte.
Trotz der kritischen Töne bleibt die Band im Kern tief verwurzelt. Auf die Frage, was sie als Erstes tun, wenn sie nach einer Reise zurück nach Tirol kommen, platzt Lukas sofort heraus: „Fleischkassemmel essen!“ Und David ergänzt: „Wasser aus der Leitung trinken.“ Es sind diese simplen, ehrlichen Dinge, die sie schätzen – genau wie ihre Lieblingsplätze, die vom kulturellen Austausch im Innsbrucker Treibhaus bis hin zur einsamen Bank mit Ausblick aufs Tal reichen.
Ob das aktuelle Album ihr bestes ist? „Das fragen wir uns vielleicht mal in der Pension“, schmunzelt die Band. „Dann können wir es objektiv bewerten.“
Weitere Informationen:
Von Seiten der Gemeinde
Link zu Ruptur Podcast-Folge mit „Von Seiten der Gemeinde“: Liferadio Ruptur Podcast
Video: Jakob Strassl
Fotos: Simon Andreas Baumgartner

Eva-Maria ist Kommunikationsexpertin aus dem Stubaital. Zuhause im Schreiben, daheim im Design – und tief verwurzelt in Tirol: Familie, Natur und alles, was die Berge zu bieten haben. Ihre Energiequellen? Die frische Winterluft auf der Wange und der klare Sternenhimmel einer Sommernacht in den Stubaier Bergen.