Wir sind uns geistig ganz nah

16.07.2026 Wirtschaft Silvia Pfeil
In Tirol baut der gebürtige Bayer Willi Bruckbauer sein neues BORA-Werk. Dort werden Kochfeld-Abzugssysteme und Dampf-/Backsysteme produziert. In Fernost zu fertigen käme für ihn nicht infrage. Stattdessen tüfteln in Niederndorf, am Ufer des Inn, Ingenieur:innen, Lüftungstechniker:innen und Entwickler:innen Schulter an Schulter.

BORA in Tirol: Die Niederlassung des bayrischen Unternehmens in Niederndorf wird durch ein neues Produktionswerk erweitert.

Warum ein neues Werk in Tirol bauen? Vom Vermeiden von Schnittstellen ist die Rede. Aber ganz ehrlich: Der Schreiner in 6. Generation Willi Bruckbauer will selbst blitzschnell dahinter schauen, ob eine Hightech-Konstruktion auch praktisch hinhaut. Er ist durch und durch heimatverbunden. Er verwandelt alpine Lösungskompetenz in einen Welterfolg.

Im Gespräch mit Willi Bruckbauer (BORA-Gründer und Geschäftsführer), Stefanie Priller (Personalleiterin) und der 15-jährigen Clara Esterl (Auszubildende) wird klar: Alle schöpfen aus dem gleichen Verständnis für das Ganze.

Will Bruckbauer ist Gründer und CEO von BORA. Warum er nicht in einem Billiglohnland produzieren will, sondern in Tirol, hat mehrere Gründe.

Im Gespräch mit Willi Bruckbauer

 

UNSEREINS: Vom Tüfteln an einer Erfindung im heimischen Raubling zum internationalen Player: Was sind die Etappenpunkte?

Willi Bruckbauer: Begonnen hat alles mit der Vision, schönere Küchen ohne Dunstabzugshauben zu gestalten. Die Idee, Abluft beim Kochen nach unten abzuziehen, war etliche Zeit vor der BORA-Gründung 2007 geboren. Und sie funktionierte. Der nächste Schritt war: Wir packen drei Komponenten in eine zusammen – sprich: Aus einem Kochfeld, einer Dunsthaube und einem Abzug wurde das „Kompaktgerät“, das heutige BORA Pure. Alles, was wir heute haben, fußt auf dieser Idee der Verschmelzung in einem Gerät. Meine Idee wurde zu Beginn belächelt, danach bekämpft, zuletzt kopiert. An dem Punkt sind wir heute. Ein großer Mitbewerber – ein Milliardenunternehmen – bestätigte unsere Idee. Das war ein Ritterschlag!

UNSEREINS: Welcher Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch bald 20 Jahre Entwicklung?

Willi Bruckbauer: Performance und Innovation, das leben wir! Wir revolutionieren den Lebensraum Küche. Damit geht unser Produkt eine Wette ein – die Kund:in nimmt diese Wette an.

UNSEREINS: Sie stammen aus einer Schreiner-Familie und fertigten in Raubling maßgeschneiderte Küchen. Das schreit nach Problemlösungen: Glas, Stein, Edelstahl und Eiche in Kundenräume millimetergenau einbauen. In der Industrie entstehen diese Herausforderungen finanziell, digital, in HR und Strategie. Wie hilft dabei der Blick des Schreiners?

Willi Bruckbauer: Als Schreiner hast du einen hohen Anspruch an Lösungen. Die musst du sofort finden, da bleibt keine Zeit für Checklisten, das muss in einem Rutsch entschieden werden. Was im Handwerk in wenigen Tagen passiert, geschieht in der Industrie parallel auf mehreren Ebenen. Nicht einfacher, aber eins bleibt im Fokus: die Problemlösung. Wir liefern BORA-Geräte zu Kund:innen von Südafrika bis zum Nordkap. Bei einer notwendigen Anpassung können wir nicht einfach eine Rückholaktion starten. Daher prüfen wir, bevor unsere Produkte das Werk verlassen, akribisch mit Stresstest, Lebensdauertest und Monkeytest.

UNSEREINS: Wie oft vernehmen Sie als Frontmann den Ruf „Lass das doch in einem Billiglohnland produzieren!“?

Willi Bruckbauer: Das war ganz am Anfang. Ich war ja Schreiner und kein Industrielenker. Daher fragte ich die Fertigung auch in Asien an. Binnen Stunden flatterte ein Angebot herein, obwohl es in China mitten in der Nacht war! Der Preis: Nur ein paar Dollar, das Produkt war aber nicht genau gleich. Ein Beispiel: Wir wollten – damals ungewöhnlich – ein Kochfeld, das man als Aufsatz und für flächenbündigen Einbau montieren kann. Im Angebot war das anders ausgeführt. Schnell habe ich festgestellt: Das ist nicht der richtige Weg.

UNSEREINS: Darf sich ein CEO bei der Standortentscheidung von persönlichen Vorlieben (ver)leiten lassen?

Willi Bruckbauer: Ich bin ein sehr heimatverbundener Mensch. In meiner Heimat, im bayrischen Raubling, war keine Gewerbefläche frei, hier in Niederndorf schon. Wir Bayern und Tiroler kommen ja ganz gut miteinander zurecht, also fiel die Wahl auf den Standort hier. Obwohl: Die Kosten für Flächen woanders in Österreich wären nur ein Bruchteil.

UNSEREINS: Welche Erfahrungen bestätigen die Standortentscheidung für das vertikale Werk in Niederndorf?

Willi Bruckbauer: Wir hatten ein großes Projekt, bei dem der Fertigungspartner – übrigens ein exzellenter – 400 km entfernt lag. Du kannst mit den Ingenieur:innen niemals dauernd vor Ort sein – das lief nicht optimal. Heute sind wir durchgehend beieinander: Die Entwicklung sitzt neben der Produktion. Prototypen, Industrieproduktion, Montage – alle Fachleute sind vor Ort und sehen: Da langt man mit dem Schraubenzieher nicht gut hin, dort sind das Handling oder die Luftverteilung nicht optimal. Dann reagieren wir blitzschnell. Im neuen vertikalen BORA Werk in Tirol liegen drei Fertigungsebenen übereinander – wir erzeugen hier einen fünfmal höheren Output als in einem Werk mit nur einer Ebene auf großer Fläche.

UNSEREINS: Radrennsport ist Ihre Leidenschaft – das Sport-Sponsoring machte sich als BORA-Hansgrohe-Team bezahlt. Jetzt hat das Team mit dem Partner Red Bull Flügel bekommen. Haben da die BORA-Werte noch Bestand?

Willi Bruckbauer: Die Leute meinen immer, weil der Bruckbauer früher Radrennen gefahren ist, hat er sein Firmen-Radteam gegründet. Das BORA-Radsportprojekt war aber kein Herzensprojekt, sondern schon 2018 eine wirtschaftliche Entscheidung! Die aktuelle Partnerschaft mit Red Bull lief von Beginn an total auf Augenhöhe und wertschätzend. Die Marke BORA ist für Red Bull wichtig, für uns die Kooperation. Übrigens: Tirol hat ja auch eine schöne Radsportgeschichte. Früher gab es in jedem Tiroler Ort Radrennen. In Kufstein startete sogar die Weltmeisterschaft. Kürzlich war ich in Barcelona bei der Katalonien-Rundfahrt und traf dort einen Tiroler Radprofi.

UNSEREINS: Tirol steht für „anpackend“, „eigenwillig“, „echt“, „verbunden“, „mutig“ – was davon trifft auf BORA zu?

Willi Bruckbauer: Tirol und BORA sind gar nicht so weit auseinander. Die Marke Tirol ist weltweit bekannt – auf einem Premiumlevel. BORA spielt ebenso in der Premiumliga. Das ist das Wesentliche! Wir sind innovativ und selbstbewusst, freigeistig und lebensfroh – und ebenso wie Tirol sind wir mutig.

Stefanie Priller ist Head of Human Ressources bei BORA und eine langjährige Mitarbeiterin des Unternehmens BORA.

Im Gespräch mit Stefanie Priller

 

UNSEREINS: Viele Jahre für BORA durch dick und dünn mit Ihrem CEO, das schweißt zusammen. Was verbindet Sie am meisten mit BORA und mit Willi Bruckbauer?

Stefanie Priller: Es gab die eine oder andere leidenschaftliche Diskussion. Aber wir denken immer ans Größere und stellen die Weichen für die Zukunft. Manchmal muss man etwas richten – das geht aus dem Wachstum und der Bewegung heraus leichter.

UNSEREINS: Ist dieser gemeinsame Weg an Bayern und Tirol gebunden, oder anders gefragt: Wären Sie für BORA nach Rumänien, Indien oder irgendwo ans Ende der Welt gezogen?

Stefanie Priller: Da hätte ich mich schwergetan. Arbeit muss ins Leben passen. Die Lebensqualität ist hier ganz besonders hoch, egal ob in Tirol oder Bayern, geprägt von der Natur, vom Sport, vom Draußensein. Im Gespräch mit einem Mitarbeiter:in ist es einfach optimal, wenn Sprache, Dialekt, Mentalität und Werte zusammenpassen. Und umgekehrt: Wenn Mitarbeiter:innen neu hierherkommen, dann wohnen sie gratis einige Monate in unserem kleinen Häuschen. Der Start in Tirol soll leicht sein.

UNSEREINS: BORA schaffte den Kraftakt, rund um das innovative Kochfeld-Abzugssystem ein Imperium aufzubauen. Jetzt wird die Standfläche breiter – gibt es denn noch Chancen auf Erfindungen?

Stefanie Priller: Es gibt immer Platz für Erfindungen! Die Produkterfindungen liegen tatsächlich bei den Menschen. KI sehen wir als neue Kollegin, die darf in guter Resonanz helfen.

UNSEREINS: Wenn Sie an das Arbeiten Schulter an Schulter denken, vor 20 Jahren und jetzt: Was ist jetzt besser?

Stefanie Priller: Man kennt sich besser – und BORA wurde professioneller und standardisierter. Aber da liegen Fluch und Segen nah beieinander: Starr wollen wir nicht werden, sondern das Aufmüpfige und Wendige behalten.

UNSEREINS: Radeln Sie auch zusammen mit dem Chef, und darf man im Sattel schneller sein als er?

Stefanie Priller: Ich fahre seit dreißig Jahren Rad, kenne Herrn Bruckbauer sogar vom Radeln, aber gemeinsam ausfahren – nein. Er ist nach wie vor sehr schnell, er würde mich meilenweit abhängen.

UNSEREINS: Was lieben Sie an Tirol?

Stefanie Priller: Die Berge, die Mentalität, dass man auch einmal klare Worte spricht. Wenn jemand etwas erfunden hat, dann war das meistens eine Querdenker:in.

Clara Esterl ist aus Langkampfen und Auszubildende bei BORA. Sie findet die Ausbildung in diesem Unternehmen sehr spannend.

Im Gespräch mit Clara Esterl

 

UNSEREINS: Clara, Sie sind 15 Jahre alt, in Niederndorf geboren und starteten bei BORA die Bürolehre. Was gefällt Ihnen hier?
Ich wechsle alle zwei bis drei Monate die Abteilung. Die vielen Eindrücke kann ich mitnehmen für die Zukunft und einschätzen, wo ich mich später sehe. Und ich treffe immer wieder überraschend Freunde aus dem Dorf irgendwo im BORA-Haus.

UNSEREINS: Was bedeutet es für Sie, in einer Umgebung tätig zu sein, wo andere Urlaub machen?
Viel! Denn nach dem Jahr in Innsbruck hat es mich zurückgezogen in meinen Heimatort Niederndorf. Die Berge sind beruhigend, ich fühle mich einfach wohl.

UNSEREINS: Gibt’s für Sie seltsame tirolerische Wörter oder Eigenheiten?
Man fällt manchmal automatisch in den Dialekt hinein. Den muss man im Umgang mit Kund:innen einbremsen und deutlicher sprechen.

Nicht nur die Zukunft des Kochens definiert BORA neu – auch jene des Arbeitens: Moderne Architektur holt die Natur zum Fenster herein und lässt frische Ideen keimen.

BORA schwimmt gegen den Strom: Die Produktion bleibt zu Hause am Tiroler Inn; Abluft „steigt“ nach unten; Kräftemessen mit der Branchenspitze und trotzdem über sich hinauswachsen. Vielleicht hat BORA genau deswegen die Nase vorn.

Silvia Pfeil

Silvia liebt Berge, vor allem hohe. Sie ist neugierig auf alles, was ausgeflippt, urig oder ungewöhnlich daher kommt. Menschen begegnet sie mit Lachen und Respekt.