Ort der Freiheit

01.07.2026 Gesundheit
Tourismus
Alexandra Keller
Elisabeth Gürtler verbrachte ihre Kindheit in Seefeld. Der einstige Luftkurort prägte die Liebe der Wienerin zu den alpinen Lebenselixieren. In der Pension kehrte sie zurück, um das Hotel der Familie in das Alpine Resort Sacher zu verwandeln und als Pulsgeber für Longevity zu positionieren. Die nimmermüde Unternehmerin personifiziert die Energie hinter dieser Langlebensphilosophie auf eindrucksvolle Weise.

Das Unsereins-Interview mit Elisabeth Gürtler:

Oft ist es der Blick von außen, der den Charakter eines Ortes, eines Landes oder der Menschen am besten auf den Punkt zu bringen vermag. „Die alpine Lebensqualität ist das Kontrastprogramm zum Wiener Lebensgefühl. Sie trifft viel mehr Körpersinne als die Wiener Gemütlichkeit“, sagt Elisabeth Gürtler. Die Unternehmerin, die der Marke Sacher nachhaltigen Erfolg und auch jenseits der weltberühmten Torte effektvollen Geschmack verlieh, wurde der Öffentlichkeit als Organisatorin des Wiener Opernballs (1999 – 2007) oder als Leiterin der Spanischen Hofreitschule (2010 – 2018) bekannt. Wenn sie ihre Sinne durch Tirol schweifen lässt, löst das auch bei diesbezüglich betriebsblinden Indigenen manch’ zustimmendes Nicken aus: „Zur alpinen Lebensqualität gehört zum Beispiel dieses Gefühl im Wald, in der Früh, diese Feuchtigkeit. Das hat einen eigenen Geruch, den ich in der Stadt nicht spüren kann.“ Elisabeth Gürtler macht diese Qualität auch am so unmittelbaren Wahrnehmen der Jahreszeiten, dem Gefühl von Holz, dem Tasten von Steinen oder dem Hören des Bachrauschens fest und – natürlich – an den Menschen. An diesem urtiroler Drang auf den Berg gehen zu müssen etwa oder dem jovialen Du, das den Tiroler:innen so federleicht über die Lippen kommt.

„Zur alpinen Lebensqualität gehört zum Beispiel dieses Gefühl im Wald, in der Früh, diese Feuchtigkeit. Das hat einen eigenen Geruch, den ich in der Stadt nicht spüren kann.“

Elisabeth Gürtler -

unsereins: Was macht die Tiroler Kommunikation so besonders?

Elisabeth Gürtler: Ich werde nie vergessen, wie Hansjörg Kröll, der jahrelang Bundesobmann der Sektion Tourismus in der Wirtschaftskammer war, gesagt hat, ‚du Bundeskanzler du‘. Ein Wiener würde nie sagen, ‚du Bundeskanzler, du‘. Die Tiroler haben in ihrer Sprache eine Direktheit und Offenheit, die man als Wiener nicht hat. In Wien herrscht diese höfische Höflichkeit, wo man nicht direkt ausspricht, was man sich denkt. Das tut der Tiroler aber schon. Das gehört auch zu dieser alpinen Lebensqualität oder diesem alpinen Lebensgefühl dazu.

Der Zillertaler Touristiker hat sich mit seiner Tiroler Art repräsentativ in ihrem Gedächtnis verewigt, doch dieses ganz spezielle Tiroler Timbre hat Elisabeth Gürtler schon als kleines Mädchen kennengelernt. Für ihren Vater, den so einfalls- wie erfolgreichen, international von Wien aus tätigen Handelsunternehmer Fritz Mauthner, bot das Seefelder Plateau nicht nur schöne Plätze, um spazieren zu gehen oder Pilze zu sammeln. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war Wien weder eine sonderlich saubere noch sichere Stadt und so kaufte er 1950 das damalige Hotel Britannia am Geigenbühel in Seefeld. 1950 kam auch seine Tochter Elisabeth auf die Welt. Dass die beiden Ereignisse zeitlich zusammenfallen, ist kein Zufall: „Er wollte, dass seine Tochter gute Luft atmet. Ich bin in Seefeld aufgewachsen bis ich in die Schule gekommen bin.“

Als kleines Mädchen genoss sie das Blumenpflücken am Geigenbühel und später die Möglichkeit zusammen mit der Schwester, den Cousinen oder Kindern von Hotelgästen alleine ins Kino oder in den Wald gehen zu dürfen. „Das Hotel war für mich ein Ort der Freiheit. In Wien, in der Stadt, durften wir ja gar nichts alleine machen“, erinnert sich Elisabeth Gürtler an die Gegensätze, die für sie eine kräftige Anziehungskraft besitzen. Immer wieder war Seefeld „the place to be“ für sie.

Zu einem Lebensmittelpunkt wurden Ort und Hotel jedoch erst, nachdem die Unternehmerin, die die Sacher-Gruppe mit veritablen Umsatzzahlen und einem familiären Arbeitsklima für die Mitarbeitenden prägte, die Hofreitschule für Frauen öffnete, selbst erfolgreiche Dressurreiterin gewesen war und Tiere – insbesondere Pferde und Hunde – liebend wertschätzt, in Pension gegangen ist. All die Ehrungen aufzuzählen, mit der die Verdienste ihres Berufslebens gewürdigt wurden, ist schwer. Schön sind etwa die Worte, mit denen sie 2019 in die Hall of Fame des Event Marketing Board Austria (Emba) aufgenommen wurde. „Elisabeth Gürtler vereint geschäftliches Können mit der Kunst des gesellschaftlichen Drahtseilakts wie keine andere. Elegant und zielsicher eilt die stilvolle Dame von Erfolg zu Erfolg. Ganz gleich, ob das nun eben der Staatsball ist, das eigene Unternehmen oder die famose Fête Impérial. Fakt ist: Egal, welcher Mission oder welcher Veranstaltung sich Elisabeth Gürtler annimmt – sie werden zu Meisterwerken“, heißt es da. In Seefeld steht eines ihrer Meisterwerke.

unsereins: Ab 2015 haben sie das ehemalige Hotel Astoria sukzessive verwandelt und 2022 in das Alpine Resort Sacher umgewandelt. Was hat Sie denn dazu animiert?

Elisabeth Gürtler: Ab 1990 habe ich die Sacher-Gruppe mit dem Hotel Sacher in Wien, dem Hotel Sacher in Salzburg und die Sachertorten AG geleitet. Im Jahr 2015 war ich 65 Jahre alt, meine Tochter war 40 und das war der geeignete Augenblick, um die Unternehmen den Kindern – also meiner Tochter und meinem Schwiegersohn – zu übergeben. 500 Kilometer entfernt von Wien war dieses Haus in Seefeld irgendwie verwaist. Ich habe den Plan gefasst, mich darum zu kümmern und sukzessive zu einem Sacher-Hotel umzubauen. 2022 war es so weit. Aus dem Hotel Astoria wurde das Alpine Hotel Sacher.

Der Plan, von dem Elisabeth Gürtler spricht, war wohl durchdacht. Es war zu erwarten gewesen, dass die bislang durchgetakteten Tage der Geschäftsfrau nach ihrem Rückzug von der Unternehmensspitze leer werden würden. Im Jahr der Unternehmensübergabe ist zudem ihr Ehemann, der Schauspieler Helmuth Lohner, gestorben. Vor diesen, an Leichtigkeit mangelnden Hintergründen startete sie in Seefeld neu durch. Mit der Leitung der Spanischen Hofreitschule hatte die ungewöhnliche Pensionistin zwar noch eine zeit- und energieintensive Verantwortung in Wien, „es war für mich aber klar, dass ich die Spanische Hofreitschule verlassen und mich ganz diesem Hotel widmen würde, wenn es umgebaut ist. Wenn man so viel Geld investiert, ist das eine Verpflichtung. So war es dann auch.“

Ja, so war es und so ist es. Das Hotel hat sich – respektive hat sie – zu einem touristischen Prachtstück gemausert, in dem sich das über Jahrzehnte angesammelte und unermüdlich weiterentwickelte Know-how der Gastgeberin auf atmosphärische Weise ballt. Der Name Sacher verpflichtet. Und dass das 5-Sterne-Superior-Haus den Marken- beziehungsweise Namenszusatz „My Longevity in Cozy Luxury“ trägt, verrät ein Alleinstellungsmerkmal, in dem der Weitblick der Entrepreneurin steckt.

"Man muss auf den eigenen Körper hören und seine Schwachstellen kennen, gut schlafen, Körper und Geist in Bewegung halten , sich gemüsereich ernähren. Das sind meine Longevity-Tipps."

Elisabeth Gürtler -

unsereins: Die Ausdrücke Better Aging oder gesundes Altern haben mit Longevity einen neuen Namen bekommen. Wie haben Sie für das Thema Longevity Feuer gefangen?

Elisabeth Gürtler: Ich bin ich eigentlich immer wieder mit diesem Thema konfrontiert worden, bis ich mich allmählich selbst intensiv dafür interessiert und den Kontakt zu Experten gesucht habe. Heute bin ich davon überzeugt, dass das das Thema der Zukunft ist.

Der immer größer werdenden Lebenserwartung mit entsprechender Demut und Verantwortung gegenüber dem Körper wie dem Geist zu begegnen und mit gezielten individuellen Maßnahmen gesund alt zu werden ist – arg kurz gefasst – der Kern von Longevity. „Man muss auf den eigenen Körper hören“, sagt Elisabeth Gürtler. Seine Schwachstellen zu kennen, gut zu schlafen, Körper und Geist in Bewegung zu halten und sich so ausgewogen wie gemüsereich zu ernähren, sind Longevity-Tipps, die sie gerne gibt. Die positive Kraft, die diese Langlebensphilosophie zu entfesseln vermag, personifiziert die 76-Jährige auf eindrucksvolle Weise. Ihre Selbstgewissheit ist auch in diesem Zusammenhang kein Geschenk von außen. „Longevity erfordert Willen und Energie“, sagt sie, „Energie ist für mich ein ganz, ganz wichtiges Wort.“ Ja, das ist es.

Weitere Informationen:
Alpin Resort Sacher

Video: Jakob Strassl, Simon Baumgartner
Schnitt: Jonathan Schmid
Foto: Jakob Strassl

Alexandra Keller

ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Innsbruck.