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Kultur
August 12, 2023
Das Künstler:innen-Kollektiv OFFTANZ versteht es fließend, Tanz als kritische, innovative und unkonventionelle Ausdrucksform auf die Bühnen zu bringen.
Alles erlaubt. „Eine der Omas, die hat mir sehr klar gemacht – für den Hof, für die Landwirtschaft gehört ein Bub hin, ja, der männliche Nachfolger, und ich bin das nicht. Das sind für mich sehr eindrückliche Erinnerungen, die mir suggeriert haben, ich bin falsch in gewisser Weise“, sagt die ältere Frau. Ihr ernstes Gesicht ist in schwarz-weiß sichtbar, projiziert im Hintergrund der Bühne. Allein diese kurzen Sätze sprechen Bände. Ohne Vorwarnung reißen sie die Pflaster ab, mit denen die Missstände früherer Zeiten gerne verklärt werden. Brutal direkt legen sie die Finger auf Wunden, die Machtlosigkeit hinterlässt und beschreiben Momente eines Frauenlebens, die Erinnerungen schmerzhaft machen und Biografien prägen.

Die Worte bewegen. Das tun sie auf derart vielschichtige Weise, dass es mit Worten allein nicht einzufangen, nicht zu fassen ist. Getanzt gelingt das schon. „Sprache ist zu konkret. Das Tolle am Tanz ist, dass mit dem Körper die Facetten, Emotionen und die Stimmungen zwischen den Worten ausgedrückt werden können. Das ist das Schöne“, sagt Eva Müller.
Die Biografien von drei Frauen waren es, denen das Künstler:innen-Kollektiv OFFTANZ Tirol, im Stück Embodiment nachspürte und die Lebensgeschichten in der universellen Sprache des Tanzes erzählte. Eva Müller war Teil der Produktion, sie tanzte eine der Frauen und sie erzählt: „Wir haben versucht aus den Erzählungen körperliche Erfahrungen zu schöpfen. Es war sehr spannend, weil es um die Verkörperung gegangen ist.“

Eva Müller ist Tanzchoreografin, Tänzerin und Tanzpädagogin. Die Tirolerin ist auf internationalen Bühnen genauso zu Hause wie auf regionalen und Mitglied beim Verein OFFTANZ Tirol. Sie weiß, wie ausdrucksstark in Bewegung übersetzte Themen, Fragen, Anklagen, Situationen oder Gefühle sein können. Sie weiß auch, wie verstörend, irritierend, schräg, lustig, überraschend oder provokativ Körper sprechen können. Und nicht zuletzt weiß sie, dass in Körpern eine unerschöpfliche Vielfalt an energetischen Ausdrucksformen stecken und nur darauf warten, in passendem Kontext, zur passenden Zeit geweckt zu werden. „Der zeitgenössische Tanz trägt diese Vielfalt der Interdisziplinarität in sich. Das heißt, alles ist erlaubt, alles ist erwünscht, um seinen Ausdruck zu finden“, sagt sie und erklärt damit auch gleich, was den zeitgenössischen vom klassischen Tanz unterscheidet, wo das tänzerische Alphabet klar ist und die Bewegungssprache streng.

„Es gibt so viele Möglichkeiten, den Körper zu inszenieren. Keine ist schlechter, keine besser“, lenkt Eva den Blick zum Tiroler Tanz-Pool, der vom Volkstanz über Schuhplatteln zum Klassischen und Zeitgenössischen reicht, wobei sich die freie Szene durch die Freiheit auszeichnet, die sie sich nimmt. Das OFFTANZ-Kollektiv jongliert dafür mit Film, Theater, Musik, Bildender Kunst und Architektur genauso, wie mit Wissenschaft. Und weil es dabei nicht um den perfekten Körper geht, der sich zur perfekten Musik im nicht minder perfekten Bühnenbild bewegt, werden die Zuschauer aus der Komfortzone des Erwarteten und Erwartbaren gelotst, manchmal auch gerissen und jedenfalls zu dem angeregt, was Kunst und Kultur kann, wenn sie will: Kompromisslos mit Wahrheiten zu konfrontieren, zu Diskussionen anregen und neue Blickwinkel zu eröffnen, die die Betrachter:innen nach der Vorstellung anders denken, sprechen, fühlen lassen. Eben weil alles erlaubt ist – und genau das erwünscht.

Ob frei, geplattelt oder im großen Ballett-Ensemble – Tanz ist in eine der lebhaftesten Ausdrucksformen im Kunst- und Kulturland. Es hat extrem viel zu bieten. Überzeuge dich selbst - hier…

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