Tiroler Twist

17.08.2026
Design
Kunst
Alexandra Keller
Die Art, wie Melanie Thöni mit Tiroler Männermythen spielt, Rhythmen, Bräuche oder Rituale seziert und sie auf pointierte Weise anders und meist weiblich inszeniert, ist nicht nur großartig anzusehen. Federleicht weckt sie mit ihren Bildern Neugier, sprengt Rollenbilder und fasziniert weit über Österreich hinaus.

Das Unsereins-Interview mit Melanie:

Die Spuren von Bären in nahen Wäldern zeigen ihre Wirkung. Das tun sie wohl überall. Das tun sie bei allen. Auch bei Melanie Thöni. Doch die aus Ried im Oberinntal stammende, dort und in Wien arbeitende Künstlerin geht einzigartig damit um. Auf ihre Art eben. Und das weckt Neugier. „Eine Frau hatte auf Social Media die Frage gestellt: Wären Sie lieber mit einem Mann allein im Wald oder mit einem Bären“, erinnert sich Melanie gut an ein Tiktok-Video, das im Mai 2024 von vielen Millionen Menschen angesehen und vieltausendfach kommentiert worden war. Lange habe sie über diese Frage nachgedacht, über Angst und das Ungewisse, „und dann ist das Bild fake fur entstanden, wo eine Frau an einem Stammtisch sitzt, an dem alles besprochen wird. Wer hat den Bären gesehen? Wer hat ihn noch nicht gesehen? Wo ist er gerade? Genau das habe ich in diesem Bild verpackt.“

Melanie kennt die Tiroler Stammtische, kennt Ton und Takt, in denen dort Informationen ausgetauscht werden. Oberländerisch spricht sie fließend und verleugnet den Dialekt auch nicht. Sie ist gerne in Ried, analysiert intensiv ihre Wurzeln, spielt mit ihnen und lässt daraus Neues wachsen.

Im Sommer 2026 hat Melanie die Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste Wien abgeschlossen, wo sie in ihrem Jahrgang eine von drei gewesen war, die sich unter rund 1700 Bewerber:innen durchsetzen konnten. Wagemutig war sie dabei aufs Ganze gegangen – umfasste ihr Bewerbungs-Portfolio doch keinen vielblättrigen Querschnitt ihres Könnens. Nein, sie hatte alles auf eine Karte gesetzt, auf nur ein Bild. Es überzeugte.

Das Bild "fake fur" (für Kunstpelz) wurde nach China verkauft.

Das Bild von dem sie eingangs spricht, zeigt eine junge Frau in heimelig-holziger Gasthausatmosphäre an einem Tisch sitzend, ein schon leeres Weinglas steht vor ihr, ein den Titel spiegelndes „falsches“ Fell liegt um ihre Schultern und ein großer freundlich wirkender Teddybär hat einen Arm um ihre Schulter gelegt. Unauffällig zu Zöpfen geflochten sind die Hare der Gemalten.

Unsereins: Die geflochtenen Zöpfe deiner Protagonistinnen ziehen sich wie ein roter Faden durch deine Werke. Schneidest du gerne alte Zöpfe ab?

Melanie Thöni: Ja, schon. Man sagt ja oft, dass Haare Erinnerungen tragen, sei es jetzt positiv oder negativ. Und das ist ein ganz schönes Symbol, um sich von ihnen lösen zu können.

Fake fur ist längst verkauft und zwischenzeitlich in China zu Hause. „Es ist immer schön, wenn ein Bild einen Platz gefunden hat“, sagt sie und wirkt dabei zwar glücklich aber auch charmant uneitel. Bis 30. August 2026 ist dieses Werk noch im Rahmen der Ausstellung „Animalia. Von Tieren und Menschen“ in der Heidi Horten Collection in Wien zu sehen, wo Melanies Thöni gleichauf mit Maria Lassnig, Meret Oppenheim, Gustav Klimt, Franz Marc, Andy Warhol, Damien Hurst und zahlreichen weiteren Künstler:innen genannt wird. „Und dann kommt es wieder nach China“, weiß sie. Weit weg von Wien, weit weg von Ried im Oberinntal. Der ganz eigene Tiroler Twist der Künstlerin funktioniert auch ganz ohne Tirol, was Melanies Blick auf die Welten und die Geschichten, die sie mit ihren Bildern erzählt, universell strahlstark macht – und unabhängig.

Zöpfe sind ein zentrales Element auf vielen Bildern.

Unsereins: Du greifst manchmal Motive der Tiroler Maler Walde, Egger-Lienz oder Defregger auf. Was haben sie verpasst?

Melanie: Ich bin ja in einem kleinen Dorf aufgewachsen und da ist man nicht wirklich mit zeitgenössischer Kunst umgeben. Plakate, Kunstdrucke im Gasthaus oder auch die Schützenscheiben in den Schützenlokalen war die Kunst, mit der ich aufgewachsen bin und die stellen schon sehr dieses idealisierte Tirol dar – mit diesen Rollenbildern. Speziell bei Defregger. Die Frau steht da und bedient die Männer am Stammtisch. Ich greife dann gern die Motive auf und versuchte sie ins Jetzt zu bringen.

Das Jetzt konnten die vergleichsweise knorrigen alten Tiroler Meister ebenso wenig erahnen, wie die zähe Halbwertszeit der Rollenklischees ihrer Zeiten oder die Tatsache, dass eine junge Künstlerin diese allzu langlebigen Schieflagen mit ihren Bildern zurecht rücken würde. Egal aber, ob es die holzhackende, die jagende, das Grauvieh hütende oder die Natur genießende Frau ist, die Melanie so poppig plakativ wie farbkräftig in Öl festhält, gelingt es ihr, die feministische Botschaft derart holzhammerfrei zu verdichten, dass dem anfänglichen Lächeln unweigerlich das erhellende Grübeln folgt. Ein witziger Effekt ist es jedenfalls, wenn Melanie aus der Distanz einen zweiten Blick auf Gewohntes wirft, Teile davon übernimmt, den Kern aber sprengt.

 

"Man sagt ja oft, dass Haare Erinnerungen tragen, sei es jetzt positiv oder negativ. Und das ist ein ganz schönes Symbol, um sich von ihnen lösen zu können."

Melanie Thöni -

Unsereins: Auf einigen deiner Bilder durchfegst du mit eindrucksvollen Pinselstrichen die Welt der Tiroler Männermythen und erfindet sie so neu wie weiblich. Warum?

Melanie: Das hat angefangen, als ich ganz klein war. Meine Oma und mein Opa hatten einen Bauernhof und meine Oma hat mich mal gefragt, was willst du mal werden, wenn du groß bist, Melanie? Dann habe ich geantwortet: Bauer. Sie hat gesagt, du kannst aber nur Bäuerin werden. Ich habe mich gefragt, okay, was bedeutet das? Wer hat welche Aufgaben? Durch die Distanz, die ich dann in Wien zu Tirol gewonnen habe, habe ich erst gemerkt, dass die ganzen Rituale, Bräuche, Rhythmen im Alltag sehr verwurzelt und auch in mir irgendwie verankert sind. Ich finde es spannend, diese Dinge mit meiner Kunst in die Gegenwart zu rücken.

Die Gegenwart sieht für die Künstlerin ziemlich bunt aus. Für „Burn Down Pavillon“, das jüngste Album der Tiroler Hip-Hop und Mundart-Formation „Von Seiten der Gemeinde“, hat Melanie das Cover gestaltet und lässt ihren Mal-Witz kongenial mit dem Wortwitz der Band tanzen. 

Auf Melanies Bildern sind Tiroler Männermythen oft ganz weiblich dargestellt.

Zwei Monate dieses Sommers verbringt sie als Artist in Residence  in der Künstlerstadt Gmünd. Und ihr (Selbst-)Bewusstsein hat im Rahmen der jüngsten Ausstellung einen lautstarken Turbo erfahren. Melanie sollte mit ihrem Bild fotografiert werden, sie war ihm zu nahe gekommen und löste den Alarm aus. „Da dachte ich, jetzt bin ich Künstlerin, jetzt sind die Bilder öffentlich zugänglich und sie haben auch diesen institutionellen Wert“, beschreibt sie den Schlüsselmoment.

Einen Schlüsselslogan zitiert Melanie mit animierendem Nachdruck. Es ist der Titel, der Ende 2025 eine Ausstellung ihrer Werke in Imst begleitete, unbedingt als Aufforderung betrachtet werden darf und ein schönes Stück weit auch ihren Weg beschreibt: „Madler’s isch Zeit!“ Ja, das ist’s.

Weitere Informationen:

Aktuelle Events und Gemälde – Melanie Thöni – bildende Künstlerin Austria

Video: Jakob Strass
Fotos: Jakob Strassl, Melanie Thöni

Alexandra Keller

ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Innsbruck.