"In meinem ganzen Tun mach ich Sachen, wo die Masse nicht dabei ist."
Als Martin Sailer den Zaun zur Weide öffnet, eilen die Ziegen und Schafe über den Hof zum Stall. Sie wissen, dass es dort frisches Futter für sie gibt. Begleitet wird die Gruppe von Hündin Dunja, die darauf achtet, dass jedes der Tiere seinen Platz im Stall findet, bevor Martin die Stalltüre schließt.
Es geht beides, wenn man will
Schon als Jugendlicher träumte der Zirler von einer eigenen Bauernschaft. Sein Vater wollte, dass er zuvor einen Beruf erlernt. Martin absolvierte eine Lehre zum Hafnermeister und erkannte erst während dieser Zeit, wie schön es ist, Öfen zu setzen. Trotzdem gab er seinen Traum, Bauer zu werden, nicht auf. Er wusste, dass beides geht, wenn man nur will. Es muss keine Erwerbs-Bauerschaft sein. Martin erzeugt in seiner Hobby-Landwirtschaft mit ein paar Ziegen, Schafen, Hasen und Hennen keine Produkte, die verkauft werden. Der eigentliche Zweck einer Landwirtschaft in Tirol war früher die reine Selbstversorgung. Martin hat sich das zum Beispiel genommen. Er produziert nur, was seine Familie verbraucht.
Als Hobbybauer hat er eigenes Fleisch, selbstgemachten Käse und Joghurt aus frischer Ziegenmilch, sogar Wolle produziert er. Um die Ausgaben des Lebens zu decken, baut er hochwertige Öfen in anderer Leute Stuben. „Es ist schön, etwas Bleibendes zu schaffen, das den Leuten so viel Freude bereitet,“ sagt der Hafnermeister. Was er sonst zum Leben braucht, ist mit dem Setzen von 3 bis 5 Öfen im Jahr gedeckt.
Auf dem von Martin gesetzten Ofen ist ein Almabtrieb zu sehen. Es zeigt Martin, auf der anderen Seite auch seine Söhne.
Unbezahlbar: Kindheit auf der Alm
Die Sommer über verbringen Martins Tiere auf der Alm. 23 Jahre lang war er selbst mit dabei, zusammen mit seiner Frau Margret, die seinen Lebensstil mit der gleichen Begeisterung unterstützt hat, sowie seinen drei Söhnen Robert, Raimund und Johann. „Was die alles erlebt haben, ist unbezahlbar,“ erklärt Martin und ist froh, seinen Kindern diese wertvolle Zeit ermöglicht zu haben. Eine Kindheit mitten in der Natur, auf der Kristenalm über Zirl, ist wohl etwas, das die wenigsten erleben können.
Vielleicht sind seine Söhne deshalb genauso naturverbunden wie ihr Vater. Wann immer es geht, ist Martin in der Natur unterwegs. Er geht dabei Pfade und Wege, die nicht so bewandert sind. Das entspricht auch seiner inneren Haltung. „Ich mache es selten wie die breite Masse.“ Sein Lieblingsmotto lautet: „Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.“ Mit dieser Einstellung kann er sein Leben so gestalten, wie es ihm gefällt und wie es zu ihm passt, ohne es wie die anderen machen zu müssen.
Einmal im Jahr schlüpft Martin eine ganz besondere Rolle.
Der Zirler Nikolaus
In der Stube aus heimischem Fichtenholz ist es sehr gemütlich. Das Feuer knistert im grünen Kachelofen. In der Ecke über der Ofenbank hängt das festliche Gewand des Heiligen Nikolaus, in das der Hobbybauer jedes Jahr schlüpft. Seit vielen Jahren ist er der Nikolaus, der die Kinder im Kindergarten und auf Wunsch in den Zirler Haushalten besucht. Krampus begleitet ihn dabei keiner. „Der Nikolaus soll keine Drohfigur sein. Es geht rein darum, den Kindern Freude zu bereiten.“ Sollte auf den Zetteln der Eltern einmal stehen, dass ein Zimmer nicht aufgeräumt wurde oder ähnliche Vergehen, dreht Martin das immer ins Positive. Er wird mit strahlenden Kindergesichtern belohnt, was sein Herz sehr berührt.
Hündin Dunja darf dieses Mal leider nicht mit.
Heimat ist mehr
Für Martin ist Heimat nicht nur der Ort, in dem er aufgewachsen ist. Heimat bedeutet für ihn auch die Gemeinschaft, in der man im Ort eingebunden ist. Er kennt die Leute und die Leute kennen ihn. Es ist ihm auch wichtig, dass man nicht vergisst, wer man ist und woher man kommt. Das bedeutet auch, dass man nicht bei allem mit der Masse der Welt mit schwimmen soll. Auf die Zukunft gerichtet ist es wichtig, dass den jungen Leuten in Tirol bewusst ist, wer sie sind und woher sie stammen. Und sich das bewahren.
Und seine persönliche Zukunft? Martin ist dankbar, dass er so leben kann, wie er lebt. Irgendwann möchte er wieder die Sommer mit seinen Tieren auf der Alm verbringen. Es könnte sein, dass man Martin in den nächsten Jahren auf einer Tiroler Alm trifft, vermutlich in der Nähe von Zirl. Wann das sein wird, weiß er noch nicht. Lassen wir uns überraschen.
"In meinem ganzen Tun mach ich Sachen, wo die Masse nicht dabei ist."
Video: Jakob Strassl, Simon Andreas Baumgartner
Fotos: Jakob Strassl, Simon Andreas Baumgartner, Tirol Werbung/Martina Wiedenhofer, Christina Schwemberger

schreibt leidenschaftlich gerne Geschichten über die Menschen in Tirol und über Themen, die das Land weiterbringen. Sie ist in der Unternehmenskommunikation für die Lebensraum Tirol Gruppe tätig und wohnt in Axams.