Knifflige Augenblicke

23.02.2026
Erfindung
Alexandra Keller
Mit seinen künstlichen, ausgeklügelt im 3D-Drucker produzierten Augen kümmert sich David Ortner darum, dass Augenärzt:innen heikle mikrochirurgische Eingriffe trainieren können. Für derartige Übungszwecke baut der nimmermüde Tiroler Tüftler auch immer mehr andere humane Gewebe nach. Irgendwann den ganzen Menschen? „Das wäre das Ziel“, sagt David - und zwinkert Goliath herausfordernd zu.

Das Unsereins-Interview mit David:

Augenwitze. Er kennt sie alle und er mag sie nicht. Gar nicht. „Ja, die meisten sind schlecht. Das ist ein ganz schwieriges Thema für mich“, sagt David Ortner, der ansonsten höchst humorvoll ist. David wirkt wie ein positiv unruhiger Geist. Stoisch zu sitzen, fällt ihm schwer. Seine Augen verraten blitzschnelles Denken und – ja – viel Witz. Schon komisch. Es scheint für viele Menschen schwierig zu sein, nicht an die filmromantisch triefende Aufforderung „Schau’ mir in die Augen Kleines“ zu denken oder schlimmstenfalls den Survivor-Song „Eye Of The Tiger“ zu summen, wenn David von seinem Beruf erzählt: „Ich mache Schulungsmaterial für die chirurgische Ausbildung. Unser größter Bereich ist der Augenbereich. Wir machen 3D-gedruckte Augen, an denen Chirurg:innen üben.“

David ist Gründer und CEO der eyecre.at GmbH mit Sitz in Kematen, wo sein Erfindergeist rund um lebensecht Nachgebautes kreist.

Die künstlichen Augenlider mit dem 3D-Drucker hergestellt.

Furchtloser Tüftler

Ein hochkomplexes Sinnesorgan wie das Auge so nachzubauen, dass es sich unter dem Skalpell echt anfühlt und Chirurg:innen eine krankhafte Situation aus dem richtigen Leben vortäuscht, ist eine richtig hohe Kunst. Eine, die erst durch die bahnbrechenden Entwicklungen des 3D-Druckes sowie der dabei verwendeten Materialien möglich wurde. Und durch jemanden, der das tiefgründige Wissen um die menschlichen Gewebestrukturen mit ebendiesen Möglichkeiten zu potenzieren versteht. Jemanden, der die Evolution so furchtlos wie wagemutig herausfordert. Jemanden, wie David. „Ich habe durch meinen Job den Respekt gewonnen gegenüber der Evolution, weil es unglaublich ist, wie komplex so einfache kleine Strukturen wie beispielsweise die Hornhaut sind“, zieht er den Hut vor der Entwicklungsgeschichte des Menschen, „wir versuchen in ein paar Jahren nachzumachen, was die Evolution in Jahrtausenden entwickelt hat. Das werden wir nicht schaffen. Aber es ist eine coole Aufgabe.“ Ja, cool ist diese Aufgabe ganz unbedingt. Sein Lebensweg ist das auch.

"Wir versuchen in ein paar Jahren nachzumachen, was die Evolution in Jahrtausenden entwickelt hat. Das werden wir nicht schaffen. Aber es ist eine coole Aufgabe.“

David Ortner -

Blutroter Einstieg

Bevor sich David selbstständig gemacht, mit dem nicht minder ruhelosen 3D-Druck-Großmeister Alexander Hechenberger (Addion GmbH) einen kongenialen Partner gefunden und 2014 das Unternehmen eyecre.at gegründet hat, war er Skilehrer gewesen und Kellner, hat die Lehre zum Bürokaufmann abgeschlossen, als Handlungsreisender mit ungewöhnlicher Ware die Welt kennengelernt und später Robotik studiert. Eine Headhunterin hatte mal gesagt, ihm fehle der rote Faden. Pah, von wegen!

Rot, ja blutrot war jedenfalls sein Einstieg in die Augenheilkunde gewesen. Davids Stiefvater hatte die Feinheiten und Herausforderungen der Augenheilkunde durch die Brille des Geschäftsmannes kennengelernt. Dabei war ihm jene Augenkrankheit ins Auge gestochen, die schon in vorchristlichen Zeiten von so genannten Starstechern behandelt wurde und so gut wie jeden Menschen in fortgeschrittenem Alter heimsucht: Der Graue Star, bei dem die Augenlinse trüber und trüber wird. Katarakt wird diese Trübung auch genannt – eine treffliche Beschreibung, bedeutet Katarakt doch Wasserfall und Menschen mit Grauem Star sehen die Welt ja wie durch einen Schleier.

So sieht das Übungsmaterial aus, wenn es um OPs von Augenlidern geht.

Besser als Schweineaugen

Bei einer ambulanten und recht flott durchgeführten Katarakt-Operation wird die verschleierte Linse entfernt und durch eine künstliche Linse ersetzt. Klingt simpel, doch ist und bleibt diese OP ein mikrochirurgischer Eingriff, der gelernt werden und geübt sein will, um ihn erfolgreich zu beherrschen. Gelernt und geübt wurde dieser Eingriff vorzugsweise an frischen Schweineaugen. „Die haben mein Stiefvater und ich – in Anzug und mit schönen Schuhen – bei Schweineschlachtern abgeholt und sind mit den Augen im Handgepäck zu Ophthalmologie-Kongressen oder -Kursen irgendwohin geflogen. Irgendwie hat es immer nach irgendwas gerochen“, erzählt David aus seinem ziemlich bizarren Berufsalltag, zu dem auch zählte, die Schweineaugen in der Mikrowelle Grauer-Star-ähnlich zu präparieren.

Was empfindlicheren Gemütern auf den Magen schlagen könnte, war nicht nur für Augenärzt:innen essenziell, sondern letztlich auch für die Patient:innen, deren Augen sie später vom Schleier befreiten. David: „Die Nachfrage hat gezeigt, dass es eine ganz wichtige Sache ist, dass Leute trainieren können.“

Das künstliche Auge ersetzte die Schweineaugen.

Blutlose Perfektion

Weder die Nachfrage noch die Trainingsnotwendigkeit haben sich seit Davids Zeit als Handlungsreisender geändert. Die Augen aber schon. Denn die stellt David zwischenzeitlich so lebensnah und mit den jeweiligen Krankheitsbildern „ausgestattet“ her, dass angehende oder ambitionierte Augen-Chirurg:innen ihre Fingerfertigkeiten und auch die kniffligsten Augenblicke blutlos perfektionieren können.

„Ich finde diese Tüftlereien superspannend. Wenn man sieht, dass die Produkte, die man sich ausgedacht hat, am nächsten Tag vor einem liegen und am nächsten Tag übt dann eine Chirurgin oder ein Student daran. Das ist ein Wahnsinn“, sagt David.

Es ist ein richtig guter Wahnsinn, dem er da verfallen ist. Einer mit dem die Medizin ein schönes Stück weit revolutioniert wird, hat er sein ungewöhnliches 3D-Produkt-Portfolio doch längst erweitert. Die Prostata oder das Augenlid zählen beispielsweise dazu und Anfragen für eine Hand oder Arterien kitzeln Davids lösungsorientierten Forschergeist. Immer mehr humane Gewebe werden künstlich denkbar – und für medizinische Trainings- und Übungszwecke nachmachbar. Irgendwann der ganze Mensch? „Das wäre das Ziel“, sagt David, „wenn auf der medizinischen Universität ein Drucker steht, wo man jedes Gewebe, jeden Körperteil für die Ausbildung ausdrucken kann. Das wäre, glaube ich, der zweite ganz große Gedanke.“ Stimmt.

"David Ortner ist gelebte Innovation: In seiner Branche begegnet er Problemen mit innovativen Lösungen durch bestmögliche Expertisen zum Beispiel aus dem Netzwerk der Standortagentur Tirol, wie von Alexander Hechenberger von Addeon GmbH oder Marko Konschake vom Anatomical Training Center Innsbruck (ATCI) der Medizinischen Universität Innsbruck.

Hieraus entstehen neue Produkte, neue Kooperationen und neue wertvolle Services, um das Chirurgie-Training dieser Welt zu verbessern.

Roland Fuchs - Standortagentur Tirol / Cluster Life Sciences Tirol -

Weitere Informationen:
eyecre.at GmbH – Revolution in Wetlab Systems
www.lidsummit.com
Video: Jakob Strassl
Fotos: Jakob Strassl, Christina Schwemberger

Alexandra Keller

ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Innsbruck.