"Ich glaube, für den normalen Menschen ist das Knie keine Fehlkonstruktion. Das Problem ist, dass die Evolution nicht damit gerechnet hat, dass wir so viel Sport machen werden.“
Echte Leidenschaften können in den bizarrsten Momenten geboren werden. Dafür ist die Geschichte, die Katja Tecklenburg zu einer der wenigen weiblichen Unfallchirurginnen werden ließ, ein richtig schönes Beweisstück. Und weil die Pointe so außergewöhnlich ist, will die Vorgeschichte unbedingt erzählt werden.
Katja wurde 1978 in München geboren. Dass sie von Kindesbeinen an nicht nur ein Münchner Kindl sondern auch ein Tiroler Madl war, ist ihrem Vater zu verdanken, der schon in den 1960-er Jahren ein kleines Häuschen in Westendorf gebaut hatte, wo Katja die gesamte Freizeit verbrachte und recht flott auch eine rasend gute Figur auf Skiern machte. Im Skiclub Westendorf wurde dieses Talent befeuert und ihre Erfolge bei regionalen, tirol- und österreichweiten Rennen führten sie so zielstrebig wie punktgenau nach Stams, ins Skigymnasium. „Ich wollte unbedingt Skifahren. Ich wollte Skirennen fahren. Das war mein Lebensinhalt“, fasst Katja den Anker in Worte, der sie endgültig in Tirol hängen bleiben ließ.
unsereins: Wie beschreibst du deine Leidenschaft für das Skifahren? Was ist so toll daran?
Katja: Skifahren ist Adrenalin.
unsereins: Juckt’s, dich zu wedeln, sobald der erste Schnee auf den Gipfeln sichtbar wird?
Katja: Jucken tut es mich immer. Nicht immer das Skifahren. Im Sommer juckt mich mehr das Surfen.
unsereins: Dann juckt’s dich eigentlich das ganze Jahr hindurch?
Katja: Ja, so kann man mich schon beschreiben.
Als ÖSV-Rennärztin kann sie die Leidenschaft zum Skifahren mit ihrem Beruf vereinen.
Das skibedingte Jucken war jedenfalls so stark, dass sie im Alter von 14 Jahren die doch mutige und lebensverändernde Entscheidung getroffen hat, ihrer Heimatstadt München den Rücken zu kehren und sich in Stams nicht nur mit der Matura alle weiteren Berufstüren zu öffnen, sondern ihr Glück auch auf den Rennpisten zu versuchen. Möglichst viele Kristallkugeln, Pokale, Medaillen und Strahle-Fotos auf Siegertreppchen zu sammeln, war dabei – wie sie rückblickend feststellt – nicht unbedingt ihr Ziel. Doch die Frage ob oder ob nicht Katja das Rennskifahren zu ihrem Beruf machen sollte, erübrigte sich viel zu früh. Nach einem Sturz, der eine Knieverletzung und innerhalb von zwei Jahren drei Operationen mit sich brachte, veränderte sich ihre Perspektive schon im ersten Stams-Jahr grundlegend. Und das nicht, weil das Knie ihr so arge Probleme bereitet hätte. Im Gegenteil. „Ich hatte einen Chirurgen, der mich einfach beeindruckt hat. Ich fand es unglaublich toll, was er macht“, sagt sie.
Das war er, der bizarre Moment, in dem ihre Leidenschaft geboren wurde. Mit einer Knieverletzung im Krankenhaus liegend, brach sie nicht in Verzweiflungstränen aus und dachte, dass ihre Rennkarriere damit wohl zu Ende sein könnte. „Ich habe mir gedacht – wow – das will ich auch machen“, erinnert sie sich glasklar an den entscheidenden Wendepunkt von der Piste in den OP, von der Skirennläuferin zur Kniechirurgin – und sie stellt klar: „Ich wollte Kniespezialistin werden, deswegen habe ich Medizin studiert.“
Das Knie beziehungsweise die Kniechirurgie hatte sie derart fasziniert, dass sie den medizinischen Rest am liebsten übersprungen wäre. Das konnte sie natürlich nicht und heute gefällt ihr die restliche Unfallchirurgie auch „extrem gut“, doch das Knie war und bleibt ihr „Ding“.
unsereins: In der Kunst werden allerlei Körperteile zelebriert, doch fast nie das Knie. Warum ist denn das so?
Katja: Ich glaube, dass die wenigsten Menschen wirklich ein schönes Knie haben. Das Knie ist schön von innen, also wenn man es innen drin sieht. Arthroskopische Bilder des Knies finde ich auch super. Kreuzbänder sind was Schönes. Aber das Knie von außen ist – glaube ich – nicht ästhetisch.
unsereins: Was ist denn – von innen betrachtet – so spannend am Knie?
Katja: Ich finde es einfach toll, dass da mitten im Zentrum des Kreuzbänder liegen. Und die Menisken, die das Ganze ausstaffieren. Das gefällt mir einfach. Das kann man nicht beschreiben. Das Knie ist ja kein einfaches Scharniergelenk. Es hat auch andere Komponenten.
unsereins: Diese Komponenten machen das Knie recht anfällig für allerlei Verletzungen. Ist das Knie eine Fehlkonstruktion der Evolution?
Katja: Ich glaube, für den normalen Menschen ist es keine Fehlkonstruktion. Das Problem ist, dass die Evolution nicht damit gerechnet hat, dass wir so viel Sport machen werden.
"Ich glaube, für den normalen Menschen ist das Knie keine Fehlkonstruktion. Das Problem ist, dass die Evolution nicht damit gerechnet hat, dass wir so viel Sport machen werden.“
So viel Sport. Das macht sie auch. Katjas Lebensplan B baute sogar darauf auf, denn nachdem die Karriere als Skirennläufern vom Tisch oder viel mehr von der Piste und das Medizinstudium noch ein Stück weit entfernt war, hat sie die Trainerausbildung absolviert und wurde staatliche Skitrainerin. „Ich habe immer gesagt, wenn mir das mit der Medizin keinen Spaß macht, dann werde ich einfach Trainerin, gehe auf die Skipiste und bin in der freien Natur“, sagt sie – wieder mit der ihr so eigenen Energie.
Ein paar Mal im Jahr ist Katja als ÖSV-Teamärztin meist mit dem Weltcupteam unterwegs und verbindet Job und Leidenschaft elegant miteinander. Eine coole Geschichte? „Ja absolut“, bestätigt die Ärztin, die den Skipisten und in ihrer Funktion als Vizepräsidentin des Tiroler Skiverbandes ebenso verbunden ist, wie als Unfallchirurgin.
Dass ihr Respekt vor Knieverletzungen groß ist, versteht sich gewissermaßen von selbst. Nicht nur, weil sie selbst eine hatte sondern weil gar viele Knielädierte auf ihrem OP-Tisch landen. Vor allem an prächtigen Winter-Tagen, an denen sie schon in der Früh weiß, dass es rund gehen wird im OP. „Diese Tage sind gar nicht so selten. Gerade in der Weihnachts- oder der Faschingszeit. Meistens gehe ich da selber zwei Stunden Skifahren, dann sehe ich schon die ersten Hubschrauber fliegen und denke ich mir, heute wird es anstrengend“, erzählt die wedelnde Chirurgin, die keine Wehmut überkommt, wenn der Schnee schmilzt und das Wasser zu ihrer sportlichen Sehnsuchtsarena wird. „Den Lebenstraum mit dem Kitesurfen hab’ ich mir schon erfüllt und inzwischen habe ich meine Leidenschaft im Wing Foiling gefunden“, sagt Katja auf die Frage, was sie denn noch gerne ausleben oder testen würde – und meint mit dem adrenalinverklärten Augenzwinkern einer sportlichen Energiebombe: „Wenn ich jetzt sagen würde, ich habe in meinem Leben nie gescheit Golf spielen gelernt und das will ich tun, dann würde ich lügen.“
Im Sommer ist Katja als Ausgleich zum Winter am liebsten auf dem Surfbrett unterwegs.
Weitere Informationen:
Video: Jakob Strassl
Fotos: Jakob Strassl, Katja Tecklenburg

ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Innsbruck.