Glump, Graffl und Anderschwoheriger

27.01.2026
Kunst
Christina Schwemberger
Silke Gruber hat eine große Leidenschaft: Sie schreibt Kurzgeschichten im Tiroler Dialekt. Dabei kultiviert sie alte, fast vergessene Tiroler Dialektwörter auf ihre ganz persönliche, erfrischende und direkte Art. Als ausgezeichnete Poetry-Slammerin trägt sie ihre Texte auf der Bühne vor. Ihre Geschichten handeln von Alltagssituationen, die zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen.

Das Unsereins-Interview mit Silke:

Wir treffen Silke in ihrer Wohnung in Hall, eine Wohlfühloase. Sie ist hell, freundlich und bietet an klaren Tagen freie Sicht auf den Glungezer, den „Hausberg“ der Poetry-Slam-Künstlerin.

Was ist „Poetry-Slam“?

Kein Dialektwort, sondern ein Bühnenwettbewerb: Autor:innen tragen eigene Texte vor, maximal fünf Minuten lang. Das Publikum vergibt Punkte, die meisten Punkte gewinnen. Silke hat schon öfters gewonnen, deshalb erhielt sie neben mehreren Stipendien auch 2022 den Poetry-Slam-Würdigungspreis der Stadt Innsbruck und des Landes Tirol. „Für viele ist das Wort zu kompliziert“, sagt sie lachend. „Die sagen dann ‚Poetri-Schlemm‘ oder so ähnlich.“

 

Silke ist es wichtig, eine Reaktion beim Publikum zu erwirken - auch wenn es manchmal nur Fragezeichen in den Köpfen sind. Foto: Fabian Jung

Liebesbriefe mit Rechtschreibfehlern

Silke ist in Hall geboren und aufgewachsen. Ihr ursprünglicher Berufswunsch war Deutschlehrerin. Bis zur Geburt ihres dritten Kindes übte sie diesen Beruf auch aus, teils akribisch. Sie korrigierte nicht nur Diktate, sondern verbesserte auch privat das eine oder andere. Sogar Liebesbriefe blieben nicht vor dem Rotstift verschont. Das macht sie heute nicht mehr, was nicht heißt, dass sie jeden sprachlichen oder grammatikalischen Fehler übersieht. Wenn eines ihrer Kinder nach dem Läuten an der Haustüre ruft: „Es hat glitten!“, wird es von Silke sofort verbessert: „Gelitten hat Jesus am Kreuz. Hier hat es geläutet!“ Die Kinder wissen ein Lied davon zu singen, was es heißt, eine passionierte Deutschlehrerin als Mama zu haben.

Feel the poem

Es ist daher kein Wunder, dass Silke mit Vorliebe schreibt. Seit 2007 liest sie ihre Texte einem Publikum vor, nicht nur in Tirol. Sie ist österreichweit unterwegs. Dort versteht man die Wörter bzw. den Sinn ihrer Texte eigentlich ganz gut. Anders war es in Deutschland, bei der deutschsprachigen Meisterschaft in Bochum. „Da versteht dann niemand mehr was“, erklärt Silke, was sie nicht weiter beunruhigt. „Es gibt auch da einen passenden Spruch im Poetry Slam: If you don’t understand the poem, feel the poem.“

Ein besonderer Bühnenmoment für Silke im Haus der Musik. Foto: choé

Der Anderschwoherige von woanders her

Die Hallerin wird gerne mal als „Hantige“ bezeichnet und da wären wir auch schon beim ersten Tiroler Dialektwort. Eine „Hantige“ ist eine Frau, die streng ist, vielleicht sogar etwas unfreundlich. Silke sagt das mit einem Augenzwinkern, denn böse meint sie es nie. Sie hat einfach eine direkte und sehr ehrliche Art, die noch dazu bei ihrem Publikum sehr gut ankommt. Ihre erfrischende Authentizität passt gut zum Tiroler Dialekt. Silke erklärt: „Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber Dialekt geht für mich so leichtfüßig aus dem Bauch heraus über die Lippen. Trotz der ganzen Härte, die der Tiroler Dialekt hat, fällt mir das leicht. Ich spiele gerne mit dem Klang“, fügt sie hinzu. Einer ihrer Favoriten ist „zunischliafn“, was so viel heißt wie „hinkuscheln“. Ein hart klingendes Wort, dessen Bedeutung weich ist, wie so Vieles im Tirolerischen.

Ihren Sprachschatz findet Silke, indem sie ihre Ohren stets spitzt und ihr Notizbuch zückt, wenn ein merkenswertes Dialektwort in einem Gespräch fällt. Bei ihren Recherchen im Internet – zum Beispiel im Tiroler Dialektarchiv oder auf „Tirolerisch für Anfänger“ – findet sie auch einige. Eines ihrer Lieblingswörter ist das Unterländer Wort „Anderschwoheriger“. Dieses Wort beschreibt jemanden, der nicht in Tirol aufgewachsen ist und daher „von woanders her“ kommt. Den Ausdruck hat die Poetry-Slam-Künstlerin in eine Geschichte gepackt, die im Recyclinghof spielt und thematisiert, was sich so mancher vielleicht schon gedacht, aber nie ausgesprochen hat. Lachen und gleichzeitiges Nachdenken bei durchaus kritischen Themen ist charakteristisch für die Wirkung von Silkes Texten.

Ob mit oder ohne Verkleidung: Silke erkennt man vor allem an ihrem authentischen Charme. Foto: Walter Pobaschnig

Machen, machen, machen – auch in Zukunft

Wenn man Silke nach weiteren Talenten fragt, sagt die dreifache Mutter lachend: „Geduld mit Kindern“. Die vielen Zeichnungen in ihrer Wohnung zeigen, dass auch das etwas ist, das sie kann. Silke sieht nicht alles, was sie gestaltet, als künstlerisch wertvoll an. Hauptsache „tun“, das ist ihr wichtig. An Ideen mangelt es dabei nicht. So würde sie gerne eines Tages einen riesigen Maxi Cosi (Auto-Kindersitz für Babys) entwerfen, herstellen und ausstellen. Das würde ihr so richtig Spaß machen. Leider braucht man dafür viel Platz und auch Geld, deshalb ist das noch nicht in unmittelbarer Planung.

Auch wenn wir uns demnächst noch nicht in einen Riesen-Maxi-Cosi reinkuscheln können, dürfen wir uns trotzdem freuen. Derzeit liest Silke das „Wörterbuch der Tiroler Dialekte“ des ehemaligen Uni-Rektors Hans Moser. Sie ist schon beim Buchstaben „G“, wo Wörter wie Gatz (Kelle), Glump oder Graffl (fehlerhafte, nutzlose Dinge) vorkommen. Diese Begriffe hat sie bereits in ihren Texten verarbeitet.

Und wenn demnächst wer fragt: „Kommst du mit zum Poetri-Schlemm von der Silke Gruber?“, dann dürfen wir raten, welches Tiroler Dialektwort in ihrem nächsten Text die Hauptrolle spielen wird. Vermutlich etwas mit „H“ am Anfang? Wir sind gespannt.

„Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber Dialekt geht für mich so leichtfüßig aus dem Bauch heraus über die Lippen. Trotz der ganzen Härte, die der Tiroler Dialekt hat, fällt mir das leicht. Ich spiele gerne mit dem Klang."

Silke Gruber -

Weitere Infos:

 

Video: Jakob Strassl, Simon Andreas Baumgartner
Fotos:  Jakob Strassl, Fabian Jung, Walter Pobaschnig, chó

Christina Schwemberger

schreibt leidenschaftlich gerne Geschichten über die Menschen in Tirol und über Themen, die das Land weiterbringen. Sie ist in der Unternehmenskommunikation für die Lebensraum Tirol Gruppe tätig und wohnt in Axams.